Ein Blick zurück auf 90 Jahre Theater in Wald
Man
schrieb das Jahr 1909. An einem stürmischen Winterabend saßen einige Bauern
und Dorfhandwerker am Stammtisch im Gasthaus Zur Post beim Dämmerschoppen. Wie
üblich, drehte sich das Gespräch um das Dorfgeschehen, die Gemeindepolitik und
insbesondere wurde über die schlechte Zeit gejammert. Im Laufe des Abends kam
man auch auf das Theaterspielen, das in der damaligen Zeit in mehreren umliegenden
Ortschaften praktiziert wurde, zu sprechen. Mit diesen Sätzen beschrieb der
langjährige Spielleiter Nikolaus Socher die Anfänge des Theaterspiels in Wald.
Es war der Beginn einer nunmehr 90jährigen Geschichte voller Höhen und Tiefen.
Die Stilrichtungen und die äußeren Umstände waren dem Wandel der Zeit unterworfen,
was aber die Theaterspieler von damals und heute verbindet, ist die Freude am
Spiel. Und immer wieder haben sie es geschafft, ein breites Publikum für ihre
Darbietungen zu finden, die Faszination des Spiels beschränkt sich also nicht
nur auf die Akteure. Und was wäre schon eine Aufführung ohne Zuschauer, wo doch
der Applaus das Brot des Künstlers ist. 90 Jahre Theater sind somit auch ein
Stück Dorfgeschichte.
Doch zurück zum Anfang: „Die Räuber
auf Maria Kulm und Ida von Toggenburg“ lautete der Titel des ersten Stückes,
das Ostern 1910 zur Aufführung kam. Ein historisches Schauspiel, wie sie damals
in Mode waren, hatte Spielleiter Xaver Eberle ausgesucht. Die Rollen wurden
verkörpert von Adelbert Socher, Albert Fischer, Josef Schmid, Rupert Schmid,
Josef Haibel, Nikolaus Eberspacher, Georg Steidle, Xaver Steidle, Ludwig Fröhlich,
Jos. Anton Möst, Benedikt Kalopp, Ludwina Osterried, Theresia Schmid, Walburga
Eberspacher und Maria Haibel. Die Bühne stand damals im Saal des Gasthauses
Zur Post, sie war eine echte Eigenleistung, wie Nikolaus Socher in seinen Erinnerungen
festhielt: „Das Podium entstand aus Bierkisten, die Bretter des Bühnenbodens
wurden von Schreinermeister Rothärmel zur Verfügung gestellt. Der Kulissenrahmen
wurde von Wagnermeister Schmid und Schreiner Steidle zusammengefügt. Als Umspannung
der Kulissenrahmen, des Hintergrunds und Vorhangs dienten Rupfensäcke, die von
den vier Spielerinnen zugeschnitten und genäht wurden. Als Bühnenbeleuchtung
dienten drei Petroleumlampen. Um die einzelnen Akte ins richtige Bild zu rücken,
malte Malermeister Fridolin Linder von Ronried die einzelnen Szenen sowie die
ganze Bühne kunstgerecht und vor allem kostenlos. Durch Verbindungen konnte
Eberle einige abgelegte Ritterkostüme vom Stadttheater Augsburg billig erwerben,
der Rest an Kostümen wurde von den Spielern selbst hergestellt.“ Drei Aufführungen
vor insgesamt 380 Besuchern vermeldet die Chronik für das Jahr 1910, ein Ansporn
zum Weitermachen. So kamen dann noch drei weitere Stücke unter Spielleiter Eberle
zur Aufführung, sie hießen „Kunibert der edle Ritter“, „Genveva“, und „Die Junggesellsteuer“.
Mit dem Kriegsausbruch 1914 war das Theaterspiel vorläufig zu Ende.
Eine neue Theatergruppe bildete sich
1921 aus dem Burschenverein heraus, maßgeblich unterstützt vom damaligen Pfarrer
Reich. „Das Hungerjahr 1816“ hieß das dramatische Schauspiel, das 1921 gespielt
wurde. Die Aufführungen fanden im Saal des Gasthauses Koch statt, dem Vereinslokal
des Burschenvereins. Probleme bereiteten vor allem die Finanzen und die Bühnenverhältnisse,
bei einer Aufführung fiel die Bühne sogar in sich zusammen. Dennoch war
das Stück ein Erfolg, der 1923 mit dem römischen Schauspiel „Vinantius“ fortgesetzt
wurde. Dieses Stück mit fünf Akten und 20 Mitwirkenden blieb in Wald nachhaltig
in guter Erinnerung. Insbesondere Engelbert Guggemos, der damals die Titelrolle
spielte, war noch Jahrzehnte später unter dem Namen „Finanzius“ bekannt. „Anita
das Findelkind“ folgte dann 1924, es war das letzte Stück unter der Leitung
von Pfarrer Reich. Er setzte aber noch vor seinem Wegzug im Jahre 1926 Nikolaus
Socher als Spielleiter ein, der dieses Amt bis 1981 innehatte.
Unter seiner Regie erfolgte zunächst
der Übergang von den Ritterspielen zu volkstümlichen Stücken. Wildererromantik,
Mühlendramen und ländliche Bauernstücke beherrschten nun die Bühne, das Publikum
nahm diese Stücke begeistert an, nur die unzulänglichen Bühnenverhältnisse blieben
ein Problem. Es konnte erst einige Jahre später gelöst werden, als 1934 im Gasthaus
zur Post umgebaut wurde und dort auch ein neuer, 200 Personen fassender Saal
entstand. Nikolaus Socher und Andreas Mayr gelang es, vom Allgäuer Brauhaus
eine komplette Bühne zu bekommen, als Gegenleistung wurde vereinbart, nur noch
im Gasthaus Post zu spielen und 10 Prozent der Einnahmen an das Brauhaus abzuführen.
„Das Kreuzl im Tannengrund“ wurde 1935 als erstes Stück auf dieser schönen,
allseits bestaunten Bühne aufgeführt. Mit über 800 Besuchern war es ein voller
Erfolg. Doch das Theaterspielen wurde im dritten Reich immer schwieriger, die
NS-Zensur überprüfte jedes Stück, nicht selten mussten ganze Szenen gestrichen
werden oder wurde ein Stück komplett abgelehnt. Bis 1938 kamen dennoch drei
weitere Stücke zur Aufführung, mit dem 2. Weltkrieg allerdings kam das Theaterspiel
zum Erliegen. Die Bühne im Gasthaus Post wurde bei Kriegsende von einrückenden
Truppen völlig zerstört.
Der Neuanfang gelang dann im Jahre
1954, eine neue Spielertruppe brachte im Gasthaus Post mit „Die Braut des Wilderers"
wieder eine Aufführung auf die Bühne. Gleichzeitig setzte sich Nikolaus Socher
unermüdlich dafür ein, dass in die neue Schulturnhalle auch eine Bühne eingebaut
werden sollte. Bürgermeister Ampßler und sein Gemeinderat willigten schließlich
in den Vorschlag ein und so entstand ein festes Podium im Turnsaal, auf das
Schreinermeister Josef Fröhlich die eigentliche Bühne baute. Maßgeblichen Anteil
an der Bühnengestaltung hatte auch Hauptlehrer Josef Schiffner, der im Laufe
der folgenden Jahre zahlreiche Bühnenbilder schuf. Waldszenerien, Bergmassive,
Gärten, was immer das jeweilige Stück verlangte, wurde von ihm liebevoll und
gekonnt gemalt. Die Walder Bühne galt damals als die schönste im Umkreis. Darauf
konnte die Spielergruppe aufbauen. „s‘ Liserl vom Berghof“ wurde 1955 auch gleich
ein großer Erfolg mit fast 1.000 Besuchern. 1961 bis 1964 entstand durch Behinderung
des Spielleiters eine Pause, doch 1965 konnte „Der Wilderer von Bayrischzell“
wieder nahtlos an frühere Erfolge anknüpfen. Dieses Stück brachte die Besucherzahlen,
die von Jahr zu Jahr gestiegen waren, auf einen vorläufigen Höchststand, es
wurde von 1.420 Besuchern gesehen. Die Zeit der volkstümlichen, oftmals aber
auch ernsten Stücke ging noch bis 1975 weiter. Im Laufe der Jahre wurde aber
immer häufiger der Wunsch geäußert, auf lustigere Stücke überzuwechseln. In
ernsten Zeiten den Zuschauern ein paar vergnügliche Stunden bereiten, hieß dann
fortan das Motto. Als Auftakt hatte Nikolaus Socher 1976 „Die zwei Halbschönen“
ausgewählt, und das Publikum blieb den Spielern auch in diesem neuen Genre treu.
So konnte 1977 „Ferien auf dem Bauernhof“ insgesamt 1.392 Besucher erreichen.
Mit dem Stück „Der Gmoadsmauser“ ging 1981 für das Walder Theater eine Ära zu
Ende, nach 60 Jahren Bühnentätigkeit, davon 55 als Spielleiter, legte Nikolaus
Socher an seinem 75. Geburtstag die Regie in jüngere Hände.
Hans Kalopp sen., der viele Jahre
Bühnenerfahrung mitbrachte, gab sein Debüt als Spielleiter 1982 mit dem Stück
„Opas Glückstreffer“. Dieser Einstand glückte, doch schon im selben Jahr sah
sich die Spielerschar mit neuen Problemen konfrontiert. Die Turnhalle war renovierungsbedürftig,
dem Umbau fielen die bisherige Bühne und der Filmvorführraum zum Opfer, um die
Turnfläche zu vergrößern. Für die Theateraufführungen und andere Veranstaltungen
einigte man sich mit der Gemeinde auf ein mobiles Podium als künftige Bühne.
Das verschaffte einerseits mehr Platz zum Spielen, andererseits konnten der
Vorhang und die von Josef Schiffner gemalten Bühnenbilder nicht mehr verwendet
werden, die Kulissen reichten ebenfalls nicht aus. Viel Arbeit und erhebliche
finanzielle Aufwendungen waren nötig, um im nächsten Jahr wieder ein Stück aufführen
zu können. Bernhard Hipp, Karl Geiger und Karl März leisteten die Hauptarbeit
beim Bühnenbau. Bis Ostern 1983 war alles fertig und der neue Vorhang öffnete
sich für den Schwank „Der Bauer auf der Himmelsbrücke“. Spielleiter Hans Kalopp
sen. setzte in den nächsten Jahren auf eher zeitnahe Lustspiele, nachdem die
Besucherzahlen mittlerweile wieder deutlich unter die Tausender-Grenze gefallen
waren. Damit hatte er den richtigen Riecher, schon 1988 sahen über 1.300 Besucher
die Aufführungen von „Bloaß koan Schnaps“. Vor allem Stücke der Augsburger Autorin
Ulla Kling prägten die Walder Bühne in den folgenden Jahren, mit steigender
Akzeptanz beim Publikum. 1991 konnte die Theatergruppe mit „Sei doch it so dumm“
einen neuen Höhepunkt feiern. Erstmals in der Walder Geschichte waren neun Aufführungen
zu bestreiten und 1.630 Besucher zu verzeichnen. Den bisher größten Erfolg in
der 90jährigen Geschichte brachte dann 1994 „Die wilde Hilde“ mit 1.812 Zuschauern
in zehn Aufführungen. Dadurch erfolgte auch eine gewisse Neuorientierung bei
der Stückauswahl, es schien nicht mehr ausgeschlossen, reine Boulevard-Komödien
aufzuführen. Eine solche war das Stück im folgenden Jahr mit dem Titel „Kurzschlüsse“.
Mit diesem Stück gab die Theatergruppe zum zweiten Mal nach 1992 ein Gastspiel
in der Alpspitzhalle in Nesselwang. „Eine schöne Bescherung“ wurde 1996 nach
neun Aufführungen in Wald noch dreimal im Haus Hopfensee gespielt, was ebenfalls
zahlreiche Besucher anlockte.
1997 vollzog sich der Übergang der
Spielleitung von Hans Kalopp sen. auf seinen Sohn Hans. „Die blaue Maus“ konnte
nahtlos an vergangene Erfolge anknüpfen, obwohl dieser Schwank in einem Punkt
sicher ein Novum darstellte, er wurde fast komplett in Hochdeutsch gesprochen.
Auch damit wurden wieder zwei Gastspiele im Haus Hopfensee gegeben. Ein Kontrast
dazu war dann 1998 „Der Regierungsvetter“, ein ländlicher Schwank mit ernstem
Hintergrund. Mit „Tante Jutta aus Kalkutta“ stand 1999 wieder ein Boulevard-Stück
auf dem Programm, das gute Kritiken erntete, daran will die Theatergruppe im
Jubiläumsjahr 2000 mit „Aphrodites Zimmer“ anknüpfen.
Doch 90 Jahre Theater sind mehr als
eine Aufzählung einzelner Stücke. Die Aufführungen in der Osterzeit sind fester
Bestandteil des Jahresablaufs, die Theaterausflüge unter Nikolaus Socher waren
ganz besondere Ereignisse, nicht nur für die Spieler. 90 Jahre Theater steht
für eine Vielzahl von fröhlichen, aber auch zuweilen traurigen Zusammenkünften.
Vor jeder Premiere stehen zahlreiche Proben, doch die Theatergruppe hatte immer
einen ausgeprägten und ganz eigenen Gemeinschaftssinn. Zahlreiche Spielerinnen
und Spieler, die hier nicht alle aufgezählt werden können, haben ihren Teil
zum Ganzen beigetragen, ebenso die stillen Helfer im Hintergrund. Egal ob sie
nun ein Jahr dabei waren oder 60, egal ob sie große Rollen spielten oder kleine,
jeder war ein gleichwertiger Teil dieser Gemeinschaft. Dazu sei nochmals Nikolaus
Socher zitiert, der zum 75. Jubiläum den Charakter der Theatergruppe mit folgenden
Reimen ausdrückte:
„Sie spielten Fröhliches und Ernstes,
je nach Anlass der Zeit,
Waren immer für die Publikumswünsche
bereit.
Viel Arbeit, Sorgen, doch auch Freuden
steckten drin,
Doch der Spielerwunsch war: Es hat
einen Sinn.
Wir spielten zur Freude für Jung
und Alt,
Reich gespendeter Beifall gab uns
den Halt.
Wir waren kein Verein, noch sonst
organisiert,
Hielten zusammen, was immer auch
passiert.
Was immer auch kam, wir ließen es
laufen,
Wir waren ganz einfach ein wilder
Haufen“.
Diesem Geist will die Spielerschar
weiterhin treu bleiben, auch wenn sie sich vor kurzem entschlossen hat, den
„wilden Haufen“ in eine „Theatergruppe e.V.“ umzuwandeln. Damit soll das bisher
Erreichte in Zukunft weitergeführt und ausgebaut werden.